Ahrensburger Zeitung

Hamburger Abendblatt

Donnerstag, 27. Dezember 2001

 

 

Ein Schritt zur Versöhnung

 

Mit Erlaubnis des Autors Matthias Popien.

 

BARSBÜTTEL  Im Streit um den Jugendhof wollen der Bürgermeister und die islamische Gemeinde nun gemeinsam eine Lösung finden.

 

Ein paar Wochen nach den teils heftigen Auseinandersetzungen um den Jugendhof in Barsbüttel scheint jetzt Vernunft einzukehren. Bei einem Treffen in der Centrum-Moschee in Hamburg-St. Georg war gar ein Hauch von Versöhnung zu spüren. „Wir wollen uns nicht stur stellen. Wir wollen eine gemeinsame Lösung“, sagte Ahmet Yazici, stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde in der Böckmannstraße. Dieses Signal fand auch einen Empfänger: Arno Kowalski war in die Moschee gekommen, der Barsbütteler Bürgermeister.

 

Geplant war das nicht. Kowalski wurde als „Überraschungsgast“ begrüßt. Der ursprüngliche Anlass des Treffens in einem Kuppelbau auf dem Dach der Moschee war ein anderer: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Sauer wollte sich darüber informieren, was die Islamische Gemeinde in Barsbüttel genau vorhat und welche Erfahrungen sie bei dem Versuch gemacht hat, den Jugendhof zu kaufen.

 

Wie berichtet, will die Islamische Gemeinde im Jugendhof ein Bildungszentrum eröffnen. Die Gemeinde Barsbüttel steht auf dem Standpunkt, dass dies dort nicht erlaubt ist.

 

Dass die Gesprächsrunde nun um Kowalski erweitert wurde, lag daran, dass der Bürgermeister von dem Treffen erfahren hatte. Von Nachteil war die veränderte Gästeliste sicher nicht. Kowalski konnte nun aus erster Hand erfahren, zu welchem Zweck die Islamische Gemeinde den Jugendhof nutzen will – wenn sie es denn dürfte.

 

Ali Özgür Özdil, im Vorstand der Gemeinde zuständig für Bildungsfragen: „Wir wollen dort Aus- und Weiterbildung machen, ähnlich wie es zum Beispiel auch die evangelischen Akademien machen.“ Unter anderem gehe es darum, Müttern die deutsche Sprache beizubringen.

 

Noch immer würden rund 50 Prozent der hier lebenden Türken und türkischstämmigen Deutschen Frauen aus der Türkei heiraten. „Die sprechen natürlich kein Wort Deutsch, wenn sie hierher kommen“, sagte Özdil. Daran ändere sich mit den Jahren oft nichts. Folge: Wenn es dann Kinder gibt, wird zu Hause Türkisch gesprochen.

 

Die Mutter kann den Kindern zum Beispiel nicht bei den Schularbeiten helfen – das Sprachproblem wird voll auf die Schule abgewälzt. „Das wollen wir mit einem Deutschunterricht für Mütter ändern. Die Kinder müssten in dieser Zeit natürlich von uns betreut werden.“

Auch die Imame sollen in Zukunft mehr lernen, wenn es nach dem Wunsch der Islamischen Gemeinde geht. Weil es eine theologische Ausbildung in Deutschland nicht gibt, werden die meisten Imame in der Türkei angeworben. Sie kommen oft ohne Kenntnisse des Deutschen und ohne Kenntnisse der Probleme einer islamischen Gemeinde in Deutschland hierher. Özdil: „Wir wollen, dass die Imame mehr in der Öffentlichkeit präsent sind. Dazu gehört, dass wir sie verpflichten wollen, Deutsch zu lernen.“

 

Ein weiterer Aufgabenbereich ist die Lehrerfortbildung. „In der Moschee gibt es zwar eine Art Religionsunterricht, aber eigentlich lernen die Kinder nur, den Koran zu lesen und bestimmte Gebete aufzusagen. Wir wollen mehr.“ Ziel sei es, das Verständnis des Koran zu verbessern und zu einer kritischen Auseinandersetzung zu kommen. Ausserdem wolle man eine Anlaufstelle für die Religionslehrer in den Schulen werden.

Der SPD-Abgeordnete Thomas Sauer fand all dies unterstützenswert. „Was Sie planen, ist im Grunde genommen das, was von Politikern immer gefordert wird“, sagte er. Gerade auch angesichts der Pisa-Studie sei das, was ein solches Bildungszentrum leisten könne, „eine tolle Sache“. Die Pisa-Studie der OECD hatte den deutschen Neuntklässlern ein vergleichsweise schlechtes Bildungsniveau attestiert. Eine Ursache dafür ist nach Ansicht von Fachleuten die Tatsache, dass Schüler Sprachprobleme haben.

 

Sauer rief die Beteiligten zu einer einvernehmlichen Lösung des Streits auf. Selbstverständlich müsse man sich an die Vorschriften des Baurechts halten, aber es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass das Recht instrumentalisiert werde, um etwas Missliebiges zu verhindern. „Niemand darf wegen seiner Religion benachteiligt werden“, sagte er.

 

In Barsbüttel hatte es unter anderem deshalb Bedenken gegen die Pläne der Moslems gegeben, weil einige Vorstandsmitglieder der türkisch-deutschen Organisation Milli Görüs angehören. Sie steht in einigen Bundesländern unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Dazu Sauer: „Man muss schon sehr viel Fantasie aufwenden, um aus den vom Verfassungsschutz zitierten Milli-Görüs-Sprüchen den Versuch einer Islamisierung Deutschlands abzulesen.“

 

Bürgermeister Kowalski und Vertreter der Islamischen Gemeinde wollen sich nun im Januar erneut treffen, um eine einvernehmlich Lösung des Jugendhof-Problems herbeizuführen. Wie die aussehen könnte, war in der Moschee nicht zu erfahren. Kowalski schwieg dazu und zog sich auf das Argument zurück, Barsbüttel sei ja noch nicht Eigentümer des von der Islamischen Gemeinde gemieteten Jugendhofs. Das stimmt – bis zum 1. Januar.